Refan Ray, Jakobsweg für Faule

Auszug aus Refan Ray, Jakobsweg für Faule, Ein Pilgerverführer von León zum Ende der Welt

Jakosweg für Faule, Auszug als PDF …

Vorwort

Nein, sie sind natürlich nicht faul. Vielleicht schon, aber das ist nicht der Grund, warum sie diese Zeilen lesen. Vielleicht fehlt es ihnen an Zeit, an ausreichendem Urlaub oder sie haben Verpflichtungen, die es ihnen nicht erlauben den ganzen Camino Francés zu gehen. Dafür benötigt man im Schnitt vier, fünf Wochen. An der Compostela alleine wird es ihnen wahrscheinlich auch nicht liegen. Die können sie billiger haben. 100 Kilometer reichen dafür.

Nehmen sie diejenigen Ideen in diesem Buch auf, die ihnen nützlich erscheinen. “Gib was du kannst, nimm was du brauchst.” steht an mancher Opferschale auf ihrem Weg.

Der Camino Francés ist ein vorkeltischer Initiationsweg. Der Name Compostela soll auf eine Lichterscheinung oder den lateinischen Namen für einen Friedhof zurückgehen. Gehen sie, außerhalb größerer Siedlungen, ein Zeit lang in der Nacht und schauen sie in den Himmel. Dann brauchen sie sich über die Namensherkunft nicht belehren zu lassen. Dass im neunten Jahrhundert die Gebeine des Apostels Jakobus Zebedäus vom Bischof Theodemir unter einem Marmorkonstrukt gefunden und identifiziert worden sind und dass die Flurbezeichnung der Fundstelle Campo stellae, Sternenfeld genannt wurde mag sein. Allerdings hat so gut wie jeder zweite Ortsname am Sternenweg eben etwas mit Sternen zu tun. Vielleicht hat der Fund der Überreste des in Jerusalem dem Martyrium ausgesetzten Heiligen und Donnerbruder eher etwas mit der Rechristianisierung der Region zu tun.  Santiago Matamoros, der Maurentöter. Der Camino hat sich über die Zeit zum christlichen Pilgerweg entwickelt. Andersgläubige oder sonstwen zu töten war aber und wird niemals christlich sein. Als Idol eher ungeeignet. Vielleicht möchten sie sich ein anderes suchen, den Weg aber trotzdem gehen. Sich selbst zum Beispiel, schlagen wir spontan vor. Das wäre fein!

Jakobus ist jedenfalls einer der Schutzheiligen Spaniens und von jetzt an auch ihrer. Da können sie im Moment nicht mehr viel dagegen machen.  Das haben sie sich selbst eingebrockt. Ob er tatsächlich in Santiago begraben, das heutige Spanien missioniert oder eine Erscheinung der Jungfrau Maria am Ebro erlebt hat, sollte dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Motivation

Der Grund, warum sie auf dem Camino unterwegs sind bleibt ganz alleine bei ihnen. Möge es ein religiöser, esoterischer, sportlicher oder was auch immer sein. Machen sie sich aber bewusst, dass sie für viele Menschen auf dem Weg und auch gegenüber sich selbst, vom Beginn ihrer Reise an, also von dem Zeitpunkt an dem sie sich entscheiden zu gehen, ein heiliger Mensch sind. Machen sie sich diesen Umstand vollkommen bewusst. Es kann vorkommen, dass sie auf ihrem Weg von Menschen gebeten werden sie zu segnen. Ob das der Fall sein wird oder nicht können wir nicht sagen. Alleine der Umstand, dass es passieren könnte, sollte ihnen die Größe ihres Vorhabens deutlich machen. Einen Segen spendet man übrigens, indem man mit dem Daumen das Kreuz auf der Stirn oder mit der offenen Hand das Kreuz vor der Brust des zu Segnenden zeichnet. Stellen sie sich vor: Das dürfen sie. Und nicht nur als Pilger. Machen sie großzügig Gebrauch davon, auch daheim.

Sollte sie im Moment keinen Segensspruch zur Hand haben: „Der Herr segne dich und beschütze dich. Er zeige dir Sein Angesicht von Zärtlichkeit voll. Er wende dir Sein Angesicht zu und gebe dir Frieden.“ Ist von dem, dessen Namen der Papst im März 2013 angenommen hat. Ein österreichischer Theologe, ehemaliger Priester und Moderator einer beliebten Gesprächsrunde hat diesen Spruch einmal in Verbindung gebracht mit einer liebenden Mutter, die diese Worte zu ihrem Kind, liegend in der Krippe oder im Kinderwagen spricht. Sehr treffend. Es ist eine Abwandlung des Aaronitischen Segens.

In fast vergangenen Zeiten war es üblich, dass sich Pilger vor der Abreise in ihrer Heimatgemeinde selbst segnen ließen. Der Geistliche ihrer Gemeinde wird diesen Brauch kennen.

„Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben.“

Neben dem Pilgerpass, den sie in jedem größeren Refugio erhalten und zwingend für die Übernachtung in diesen benötigen, tragen sie als Zeichen für ihre Pilgerschaft auch das äußere Zeichen ihrer Reise: Die Jakobsmuschel. Auch diese bekommen sie in den Herbergen größerer Städte, oft zusammen mit ihrem Pilgerpass oder in Souvenirläden.

Ein paar Grundsätze

Sie werden sicher ein paar Geschichten von anderen Pilgern zu hören bekommen und sich mit ihnen austauschen. Dabei gilt ein Grundsatz: Was Pilger einander erzählen bleibt auch unter Pilgern. Sie dürfen diese Geschichten ihrem Partner, ihren Eltern und ihren Kindern erzählen. Also dem Menschen, mit dem sie am meisten verbunden sind und einer Generation auf- und abwärts, sonst niemandem. Ihren Freunden, Kollegen, Großeltern und Enkelkindern können sie von ihrem eigenen Erleben erzählen, nicht aber die Berichte, die ihnen von anderen Pilgern anvertraut worden sind. Schreiben sie auch nicht darüber, außer in ihr Tagebuch, ober machen sie es auf andere Art öffentlich.

Ein Pilger lehnt keine Einladung ab. Richten sie sich nach dieser Regel, auch wenn es ihnen ungewohnt ist. Sollten sie von einem anderen Pilger oder wem auch immer auf einen Kaffee, ein Glas Wein oder sonst was eingeladen werden, lehnen sie nicht ab.

Ausstattung

Einen Rucksack brauchen sie. Kommen sie nicht auf die glorreiche Idee mit irgendeiner anderen Art von Gepäck zu pilgern. Sollten sie Interesse an einer schicken Umhängetasche aus Jute- oder Hanffasern haben, die ab und zu von Pilgern verwendet wird, die ein vielleicht allzu ursprüngliches Erlebnis suchen, finden sie solche weggeworfen am Wegesrand. Nehmen sie keine davon. Sie würden genauso wenig Freude daran haben wie der ursprüngliche Besitzer.

Wählen sie besser einen Trekking- als einen Wanderrucksack. Trekkingrucksäcke sind in der Regel leichter. Ein Rucksack mit Außengestell ist nicht geeignet. Damit bleiben sie auf engen Wegen ungewollt in der Vegetation hängen. 50 Liter sollen es sein, eher mehr als weniger. Ein größerer Rucksack hat nicht sehr viel mehr Gewicht als ein kleinerer. Beim Packen in der Früh ist die Freude allerdings größer.

Ein Netz am Rucksack ist sinnvoll. Zum einen können sie feuchte Kleidung darin trocknen, zum anderen ihre transparente Wasserflasche dem Sonnenlicht aussetzen, was aus verschiedenen Gründen eine gute Idee ist.

Ein Schlafsack ist eine gute Sache. Sollten sie in der warmen Jahreszeit von Mai bis September pilgern, brauchen sie sicherlich keinen Mumienschlafsack, ganz im Gegenteil. Sie werden feststellen, dass sie den Schlafsack wahrscheinlich eher als Decke benutzen. Sollten sie vorhaben im Freien zu nächtigen, was am Camino mit ein bisschen Mut durchaus möglich ist, ist eine Isomatte sinnvoll. Wählen sie in diesem Fall wenn möglich das Vordach einer Kirche oder eines Klosters als Schlafplatz. Besonders bei Regen gestatten ihnen sehr viele Kirchen und Klöster die Übernachtung in deren Vorräumen.

Sollte ihr Rucksack kein extra Fach für ihren Schlafsack haben, verwenden die einen Kompressionssack, das erleichtert die Handhabung.

Für das Gewicht ihres gepackten Rucksacks gibt es Faustregeln, die ihre Berechtigung haben. Zehn Prozent ihres Körpergewichtes ist ein Optimalwert, der kaum zu erreichen sein wird. Es sei denn, sie gehen auf den Camino um notwendigerweise abzunehmen. Schwerer als zehn, maximal zwölf Kilo sollte ihr Rucksack allerdings nicht sein, ohne Wasser.

Schuhe sind ein eigenes, sicher wichtiges Thema. Bitte glauben sie uns und anderen Pilgern, wenn es um den Rest ihrer Ausstattung geht, bei den Schuhen aber glauben sie niemanden. Tragen sie alles womit sie gut gehen können. Hoch oder tief, geschlossen oder offen, Wanderstiefel oder Joggingschuhe. Kaufen sie die Schuhe immer zumindest eine Nummer größer und besser am Abend als in der Früh. Ihr Fuß wird den Schuh am Abend wahrscheinlich ausfüllen, auch ohne das zweite übereinander getragene Paar Socken, was manche Wanderer bevorzugen.

Ein Paar Schuhe reicht vollkommen aus. Verzichten sie auf ein Reserve-Paar. Notfalls gibt es am Weg genügend Geschäfte, die gut ausgestattet und nicht zu teuer sind. Empfehlenswert sind Flipflops bzw. Badeschlapfen. In manchen Refugios dürfen sie die sanitären Einrichtungen nur mit diesen betreten. Der Fuß wird gelüftet und der fröhliche Austausch von Fußpilz unterbunden.

Sollten sie empfindliche Füße haben, denken sie an Blasenpflaster. Besser sind die bekannten Pflasterstreifen auf der Rolle. Wir wünschen es ihnen nicht, aber die können sie notfalls auch zum tapen ihrer Zehen verwenden.

Manche Pilger behaupten, dass man Blasen mittels ungewaschener Socken begegnen kann. Wir haben da unsere Zweifel. Wollsocken sollen angeblich besser sein als welche aus Baumwolle. Dabei wird unser Zweifel nicht kleiner. Ihre Socken werden ohnedies meist nass sein, da hilft Wolle auch nicht viel und Baumwolle kratzt weniger. Nebenbei und um ihre möglichen Ängste zu zerstreuen: Kein einziger Pilger und somit natürlich auch sie selbst, riecht für andere unangenehm. Unabhängig von der zurückgelegten Strecke, der Zahl verwendeter Socken oder dem Deo, das sie vielleicht dabei haben. Komisch, aber nur vielleicht.

Sollten sie sich fragen, warum in vielen Refugios Zeitungen nahe der Schuhablage liegen, oft in kaum bekannten Sprachen, können wir das aufklären. Die Zeitungen sind zum Ausstopfen der Schuhe gedacht um sie zu trocknen.

Gehen kann man in der Regel bevor man lesen lernt. Darum braucht ihnen niemand zu erklären wie das funktioniert. Aber vielleicht haben sie noch keine Weitwanderung gemacht. Darum ein Tipp. Wer gerne im Gleichschritt zu Marschmusik geht, hat sein Gehirn wohl aus Versehen bekommen. Man muss kein Einstein sein, um das zu wissen. Aber die Technik können sie anwenden, sie ist nämlich gut. Versuchen sie immer im gleichen Takt zu gehen, also immer mit der gleichen Frequenz. Sollten sie müde werden, bergauf oder bergab gehen, in schwierigem Gelände oder durch Wasser, behalten sie diesen Takt bei so, als hätten sie ein Metronom dabei. Machen sie lieber kleinere Schritte. Das gilt auch dann, wenn sie mit einem anderen Pilger einen Teil der Strecke gehen. Passen sie ihre Geschwindigkeit nicht dadurch an, dass sie ihren Takt ändern, sondern indem sie kleinere oder größere Schritte machen.

Achten sie auf eine gute Jacke. Sie wird ihre zweite Haut sein. Atmungsaktives Gewebe, wind- und wasserabweisend. Eine Kapuze ist sehr wichtig. Nicht nur wegen des Schutzes vor Wind und Wetter, auch um sich vor ungewollten Blicken zu schützen. Manche Pilger tragen Sonnenbrillen aus eben diesem Grund, nicht so sehr zum Schutz vor der Sonne. Viele sagen, wer am Camino nicht zumindest einmal geweint hat, hat den Weg nicht gut verstanden. Aber es werden Freudentränen sein.

Tragen sie bevorzugt eine Cargohose aus Kunstfaser. Die trocknet schnell und wiegt nicht viel. Kurze Hosen sind gar nicht geeignet, egal wie heiß es ist. Jedes mal, wenn sie durchs Gestrüpp gehen, würden sie an uns denken.

Eine Kopfbedeckung brauchen sie wahrscheinlich auch. Einen Bade- oder Strandhut, eine Schirmkappe mit diesem Rückteil, wie es ein tschechoslowakischer Tennisspieler früher gerne getragen hat oder einfach ein Tuch. Alles, das auch den Nacken vor Sonne schützt und sich leicht waschen lässt. Sollten sie einmal das unbändige Verlangen verspüren wollen, ihre Kopfbedeckung im kalten Wasser eines Brunnens zu waschen und sie danach triefend nass aufzusetzen, gehen sie den Camino im Juli oder August.

Viele Pilger benutzen einen Wanderstock, eigentlich einen Pilgerstab, den sie für kleines Geld am Weg erhalten oder unter Verwendung eines schneidigen Messers am Weg pflücken können. Ein Pilgerstab ist nicht zu verwechseln mit einem Hirten- oder Bischofsstab. Schafe haben sie ja wahrscheinlich nicht dabei. Freunde eines Pilgerstabes benutzen diesen hauptsächlich zum Ausbalancieren auf schwierigen Strecken. Gegen die manchmal beschriebenen Hunde auf dem Weg sollten sie den Stock höchstens mit großem Bedacht einsetzen. Dazu ein kleiner Hinweis: Sollte ihnen ein streunender Hund begegnen, der ihnen nichts Gutes will, bücken sie sich und tun so, als wollten sie einen Stein aufheben. Das ist sehr viel wirkungsvoller als mit dem Stock zu hantieren und schadet keinem der Beteiligten. Manche Pilger führen zur Abwehr dieser Tiere Pfefferspray mit, weil ihnen offensichtlich Angst gemacht worden ist. Lassen sie sich von jemanden sagen, der Jahre lang in einer Stadt mit einem echten Problem mit Straßenhunden gelebt hat, dass das zu nichts Gutem führt. Bücken sie sich und zeigen sie keine Angst. Das hoch entwickelte Telegehirn und den Greifdaumen haben sie, wenn sie verstehen was wir sagen wollen. Sollte sie den Hintergrund erkennen, seinen sie bitte trotzdem nicht beleidigt. Sie zu kränken ist die letzte unserer Absichten. Nehmen sie eine Blume von unserer Insel als Entschuldigung. Ein Hund greift eigentlich keinen Pilger an und ein Pilger, der einen Hund grundlos schlägt, sollte sich, wenn überhaupt, Wanderer nennen.

Trekkingstöcke sind auf dem Weg auch anzutreffen. Allerdings häufig nur am Anfang der Strecke und danach gerne neben den weiter unten beschriebenen Büchern in den Refugios.

Vorbereitung

Egal ob 100, 800 Kilometer oder mehr, der Weg wird anstrengend. Natürlich wird sie der Weg tragen mehr als sie ihn gehen, eine gewisse Vorbereitung ist aber von Vorteil.

Testen sie sich selbst, ihre Schuhe und ihre Ausrüstung am besten mit einer kleineren Wanderung von zu Hause aus. Das soll ja angeblich der Ort sein, an dem jede Pilgerreise beginnt. Gehen sie 30, besser 40 Kilometer auf ebener Strecke. Sollten sie 30 Kilometer in, sagen wir, zehn Stunden ohne Probleme bewältigen, sind sie bereit für den Camino. Ansonsten stellen sie sich auf die Übernachtung im Freien ein. Refigios sind oft weit gestreut.

Anreise

Etwa sechs Kilometer außerhalb von León liegt der Flughafen Aeropuerto de León, der von Air Nostrum von Madrid und Valencia aus angeflogen wird. Auch im Auftrag von Iberia.

Air Berlin fliegt aus größeren Städten Deutschlands, in Österreich aus Wien, in der Schweiz aus Zürich nach Asturias/Oviedo nicht mehr, vielleicht als Niki. Von dort aus gibt es Bus- und Bahnverbindungen nach León.

Die Anreise per Bahn ist problemlos möglich, da eine Hauptstrecke durch León führt. Denken sie über die Anschaffung eines InterRail-Tickets nach. Sollten sie nicht unter Zeitdruck stehen, hängen sie ein paar Tage Erholung an. Manch ein InterRail-Profi fährt nach Möglichkeit in der Nacht, um sich die Kosten für die Nächtigung zu sparen. Auf der Seite www.interrail.eu können sie auch eine gute Karte zur Planung ihrer Hin- und Rückreise herunter laden. Das InterRail-Ticket gilt nicht im Land, in dem sie ihren Wohnsitz haben. Je nach Leidensfähigkeit und Wohnort fahren sie von diesem bis zur nächstgelegenen Staatsgrenze. Ab dort ist das Ticket gültig. Von Berlin zum Beispiel brauchen sie gut zwei Tage nach León, werden ein paar Mal umsteigen müssen und da sie wahrscheinlich über Paris fahren, lernen sie die dortige Métro der Linie 5 kennen und verschiedene deutsche U-Bahnen, die wiener U-Bahn und vielleicht sogar die Métro in Lausanne schätzen.

Zumindest bis nach Spanien kommen sie auch mit den Bussen vom eurolines (www.touring.de). Von Deutschland aus jeder größeren Stadt, von Österreich aus Wien und Linz, von der Schweiz aus Zürich, Basel und Luzern. Von zum Beispiel Barcelona dann mit regionalen Buslinien oder mit der Bahn. Sollten sie sehr kurzfristig planen, ist das die preislich günstigste Möglichkeit. Alleine nach Barcelona brauchen sie zum Beispiel von Berlin fast eineinhalb Tage.

Essen und Trinken

Ihr liebster Begleiter, neben ihren Schuhen und ihrer Jacke, wird die Wasserflasche sein. Nein, ich hab nichts ausgelassen. Egal wie gut ihr Rucksack ist, sollten sie darin nicht geübt sein, werden sie das Fluchen lernen. Herkömmliche Feld- oder Campingflaschen sind genauso hübsch wie sinnlos. Benutzen sie lieber einfache Einwegflaschen aus PET. Am besten zwei Stück zu jeweils einem halben Liter. Die sind leichter und problemlos austauschbar.

Zwei Flaschen mit sich zu führen hat auch einen doppelten Nutzen: Zum einen wird das Gewicht im Rucksack besser verteilt, zum anderen können sie am Weg eine Flasche einem Pilger geben, der in diesen Belangen nicht so gescheit war wie sie.

Beachten sie bitte diese Regel: Bei jedem Brunnen, bei jeder Quelle und bei jeder Wasserstelle, an der sie vorbeikommen, schütten sie ihren Wasservorrat aus und füllen sie ihre Flaschen neu an. Das ist eine Regel, die nicht erklärt werden kann. Und trinken sie drei, besser vier Liter Flüssigkeit am Tag.

Viele Gaststätten auf dem Weg bieten ihnen Pilgermenüs an. Ich schreibe anbieten, weil es in der überwiegenden Zahl der Fälle eben dabei bleiben sollte. Diese Menüs sind meist weder besonders günstig, noch besonders lecker. Trockene Koteletts oder gebratene Legehennen, die ihrer Bestimmung nicht mehr nachkommen, sind noch das Beste, das ihnen passieren kann. Aufgrund staatlicher Regulierungen dürfen diese fragwürdigen Speisen den Namen Pilgermenü nur tragen, wenn dazu Rotwein gereicht wird. Oft ein notwendiger Trost. Nebenbei: Es wird nicht gerne gesehen, aber Wein dürfen sie nachbestellen. Essen, so viel wir wissen nicht. Aber das würde ihnen eh nicht einfallen. Rotwein wird in Spanien gekühlt serviert, besagte Speisen sind oft auch nicht so warm, wie sie sein sollten.

Sollte sie der Hunger unter Tags überkommen, ist eine einfache Tortilla anzudenken. Die bekommen sie in allen möglichen Varianten, von vegan über vegetarisch bis hin zum Schlachtfest. In einer Bar ihres Vertrauens, das sie natürlich nicht habe, weil sie zum ersten Mal dort sind, empfiehlt sich auch eine Paella oder jede Art von Eintopf.

Zwischendurch empfehlen sich Tapas, kleine Snacks oder Fingerfood, die regional sehr unterschiedlich ausfallen. Tapa meint Deckel und war ursprunglich dazu gedacht, das Bad von Insekten in ihrem Bier oder Wein zu vereiteln. Die können sie bestellen oder bekommen sie ungefragt zu ihrem Getränk. Zu Kaffee werden meist keine Tapas geboten. Ración oder Pincho sind nichts anderes als Tapas, aber in größerer Menge. Von frittiertem Meeresgetier und Fleischbällchen über Kartoffeln in absonderlichen Saucen werden sie noch sehr viel mehr antreffen. Für Tapas gilt: Wenn es nicht schmeckt, war es zumindest nicht zu viel. Aber meistens schmeckt es großartig.

Eine spanische Bar hat übrigens nicht viel mit einem Nachtclub zu tun. Sie ist ein oft kleines Lokal, in dem ebenso kleine Speisen, Kaffee aber durchaus auch Alkoholika angeboten werden. Diese Bars öffnen häufig sehr zeitig. In Spanien ist es nicht unüblich, vor dem Arbeitsantritt dort einzukehren, eher weniger um ausgiebig zu frühstücken. Das ist in Spanien nicht üblich. Während der Siesta von meist 13 bis 16 Uhr, sind Bars häufig die einzigen geöffneten Geschäfte.

Was sie brauchen

• Pilgerpass, erhalten sie daheim oder in Refugios größerer Städte
• Reisepass oder Personalausweis, je nach Staatsbürgerschaft
• Europäische Versicherungskarte oder Reisekrankenversicherung, je nach Staatsbürgerschaft
• Reiseführer mit Wegbeschreibung oder zumindest eine Karte
• Handy für den eigenen oder den Notfall anderer
• Bargeld für Refugios und Verpflegung
• Kredit- besser Debitkarte falls sie ihre Rückreise noch nicht gebucht haben oder für den Notfall

Alles andere ist entbehrlich bzw. kann am Weg beschafft werden.

Die europäische Krankenversicherungskarte wird grundsätzlich akzeptiert. Die administrative Abfolge einer Behandlung ist etwas ungewohnt. Sollten sie medizinische Hilfe außerhalb eines Notfalls benötigen, müssen sie zuerst in ein Gesundheitszentrum, ein Centro de Salud, das ihnen dann einen ansässigen Arzt zuteilt oder sie in ein Spital einweist. Eine Reiseversicherung mit Kostendeckung eines eventuellen Rücktransports ist sinnvoll.

Was sie gar nicht brauchen

Was sie wirklich nicht brauchen auf ihrem Weg ist dann offensichtlich, wenn sie die ersten Refugios kennen gelernt haben. Dort lagern alle Dinge, die niemand auf dem Weg braucht zur gefälligen Verwendung.

An erster Stelle steht, wie könnte es anders sein, Bücher. Die Refugios sind voll mit der absonderlichsten Literatur in verschiedenen Sprachen. Papier ist schwer. Lassen sie es daheim. Bis auf ihren Reiseführer brauchen sie es nicht.

Das vierte Paar Socken, das zweite Paar Schuhe, das gute Hemd für den Abend. Der Camino ist außerdem ein guter Friedhof für Bademäntel und Frottee-Badetücher.

Natürlich sind zum Beispiel ein zweites oder drittes Paar Kontaktlinsen oder Artikel zur Monatshygiene sinnvoll. Nicht aber Salben zur Hautverjüngung oder Selbstbräunungscremes. Diesen Intentionen kommt der Weg ganz ohne Frage nach.

Wege, Markierungen und Verlaufen

Der Weg ist durchgehend markiert. Meist in kurzen Abständen mit gelben Pfeilen auf blauem Grund, der Jakobsmuschel auf Tafeln oder aus Messing in den Boden eingelassen oder einfach durch gelbe Farbpunkte, einer Spraydose entkommen.

Ein weiteres Zeichen, dass sie auf dem richtigen Weg sind, sind Steinmännchen, mehr oder weniger große Haufen von bis zu faustgroßen Steinen, die von Pilgern am Wegesrand errichtet werden. Die einzelnen Steine symbolisieren die Sorgen der Pilger, die sie auf dem Weg zurück gelassen haben.

Ein sicheres Anzeichen, den Camino nicht verlassen zu haben, sind kleine Kreuze aus Holzstäbchen, aus Ästen, die von Pilgern in Drahtzäune geflochten werden.

Meilen- oder Kilometersteine sind auch nicht selten. Auf ihnen wird die restliche Länge der Strecke bis Santiago de Compostela angegeben. Aufgrund mehrfacher Streckenverlegungen ist diesen Angaben allerdings häufig nicht zu trauen.

Refugio, Albergue, Pilgerherberge

Refugios sind Herbergen, die von Gemeinden, kirchlichen Institutionen oder Vereinen, meist Bruderschaften unterhalten werden.

Allerdings bestehen auch Herbergen, die nicht aus karitativen sondern rein finanziellen Gründen von privater Hand betrieben werden. Denken sie daran, dass der Norden Spaniens extrem strukturschwach ist. Viele Menschen am Camino finden ihr Einkommen aufgrund der Pilgerströme. Dass jemand ein paar Euro an Pilgern verdienen will, vielleicht muss, ist nicht verwerflich.

Diese Art der Unterbringung ist ausschließlich Pilgern vorbehalten, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, wobei Fußpilger gegenüber Radpilgern bevorzugt werden. Der Einlass am Nachmittag folgt auch diesem Grundsatz: Zuerst Pilger zu Fuß, dann Pilger per Rad und zuletzt … keine mehr, höchstens noch Pilger zu Pferd, was auch vorkommt. Motorisierte Pilger werden abgewiesen, wenn sie vernadert werden, wenn jemand petzt. Bevor sie so etwas tun, überlegen sie sehr gut. Vielleicht ist der Pilger, der gerade vom Moped steigt, nicht so fit wie sie, möchte den Camino aber trotzdem in seiner eigentlichen Form erleben, oder hat zu wenig Geld, jeden Tag in einem Hotel zu übernachten.

Es wird erwartet, dass Gäste recht zeitig in der Früh die Herberge verlassen. Besonders in den Sommermonaten sind nach sechs, halb sieben, die Refugios meist entvölkert. Eine mehr als einmalige Übernachtung in ein und dem selben Refigio wird nur bei Krankheit oder Verletzung gestattet.

Für die Übernachtung brauchen sie zwingend einen Pilgerpass. Je nach Saison kommt es vor, dass die von ihnen zurückgelegte Strecke anhand der Stempel in ihrem Pilgerpass kontrolliert wird. Das soll verhindern, dass zum Beispiel Busreisende die Plätze für Fußpilger belegen.

Refugios sind unterschiedlich wie der Weg selbst. Schlafsäle mit über hundert Betten und sanitären Einrichtungen ohne ausreichendem Warmwasser findet man genau so vor wie Vierbettzimmer mit Ruheliegen in überaus schönen Gärten. Besonders während der Sommerferien sind die Betten manchmal schon am frühen Nachmittag belegt. Manche Refugios legen bei Überbelegung eine Art von Notmatratze auf Terrassen oder in Innenhöfe. Genießen sie das. Vielleicht haben sie noch nie besser geschlafen.

In den Herbergen wird in aller Regel kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Pilgern gemacht. Das heißt, dass Säle und Zimmer gemischt belegt werden. Viele, manchmal obskure Geschichten werden am Camino erzählt. Dass Frauen am Weg belästigt werden, haben wir nie gehört. Dass der Camino ein Heiratsmarkt sein soll, was manchmal behauptet wird, ist allerdings nicht so abwegig. Aber das wird wohl an jedem Ort so sein, an dem sich Menschen mit gleichen Interessen treffen und … wo sonst sollten sie sich finden?

Die Kosten für die Übernachtung sind moderat aber völlig unabhängig von der gebotenen Qualität. Sie werden sich im einstelligen Bereich bewegen.

Gehen sie alleine, sie werden nie alleine sein

Vermeiden sie es, den Camino mit ihrem Partner zu gehen. Sollte sich das nicht verhindern lassen, machen sie beim Frühstück jedes Tages einen Treffpunkt für den Abend aus. Ein Refugio zum Beispiel. Sie können auch einzelne Strecken zusammen gehen, zwingen sie sich aber nicht die ganze Zeit gemeinsam zu verbringen.

Bemerkenswert oft sieht man Pilger, bevorzugt Männer, die ihre oft zu kleinen Kinder, meist Buben, über den Camino schleifen. Über die Sinnhaftigkeit kann man nachdenken, besser aber alleine, während das eigene Kind zu Hause bleibt.

Am Fuß der Pyrenäen, in Saint-Jean-Pied-de-Port, der allerdings nicht Teil unserer hier beschriebenen Strecke ist, steht ein Schild in mehreren Sprachen. “Camino muy duro solo para buenos Caminantes …”. Nur für gute Wanderer. Das soll sie keinesfalls entmutigen, nehmen sie es aber ernst, es gilt für viele Strecken am Camino. Sollten sie den kleinen Test unter “Vorbereitung” nicht zu ihrer Zufriedenheit schaffen, ist das lange kein Grund den Jakobsweg nicht zu gehen. Überlegen sie aber, ob das ihrer Begleitung, besonders ihrem Kind, zumutbar ist.

Weniger bemerkenswert, vielmehr erschreckend ist der Umstand, dass man am Camino körperlich beeinträchtigten Pilgern begegnet, die aus religiösen Gründen diesen Weg beschreiten. Selbst wenn sie aus rein sportlichen Gründen unterwegs sind sollte ihnen begreiflich sein, dass der Jakobsweg niemals ein Weg war sich selbst zu quälen oder sich die eigene Leistungsfähigkeit zu beweisen und er wird es auch in Zukunft nicht sein.

Der Weg beginnt vor ihrer Haustür und endet genau dann, wenn sie es für richtig halten. Santiago de Compostela oder Cabo de Finisterre sind nicht ihr eigentliches Ziel. Sollte sie, aus welchen Gründen auch immer, das Gefühl haben, den Weg beendet zu haben, beenden sie ihn. Auch der Weg ist ihr Ziel.  Nicht nur, aber auch.

Vermissen sie einen Ort, an dem sie nie gewesen sind? Möchten sie finden, was sie nie verloren geglaubt haben? Erinnern sie sich an morgen? Das sind sehr gute Zeichen. Gehen sie. Es könnte die wichtigste Reise dieses Lebens sein.

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